Riedlingen Land

Modenschauen und Handwerk bieten einen Blick in die Geschichte


Mode aus dem Mittelalter haben die Gruppen
in der Bachritterburg gezeigt.

(Kanzach/sz) Seit fast einem Jahrzehnt ist die Bachritterburg die Adresse schlechthin, wenn es darum geht, bei Burgbelebungen mittelalterliche Handwerkstechniken und -Fertigkeiten auf hohem Niveau kennenzulernen. Am Pfingstwochenende hat Andreas Bichler von „Historia Vivens“ eindrücklich bewiesen, in welcher Liga er spielt, wenn des um den Bau einer Armbrust geht. Außerdem zeigten die Aussteller beispielsweise eine Modenschau oder altes Handwerk

Von unserer Mitarbeiterin  Brigitte Braun

„Ich habe keine besonderen Fähigkeiten, ich bin nur unwahrscheinlich neugierig“ soll Albert Einstein einmal gesagt haben. Aber es war sicher nicht nur Neugierde, sondern auch immense Geduld bei der Recherche in Fachliteratur, Quelltexten und Inventarlisten, gepaart mit wissenschaftlicher Kleinarbeit und handwerklichem Können, die den Autodidakten Andreas Bichler zu einem der wenigen Spezialisten auf dem Gebiet des Armbrustbaus in ganz Europa gemacht haben. „Das Spannende ist der Herstellungsprozess“ sagt er und erklärt, wie das Rohmaterial Einfluss auf die Zusammenstellung und auch den Eigenbau der Werkzeuge hat, wie der Herstellungsprozess bestimmt und Herstellungsschritte abgeleitet werden können.

Auf dem Tisch im Bauernhaus liegen ein ganzes Steinbockhorn, Achillessehnen von Tieren, Birkenrinde, und verschiedene funktionelle Werkzeuge. Bis zu zwei Monaten benötigt er allein, um den Hornbogen mit Sehnen zu belegen, die zuvor in feinste Fasern zerteilt und mit Fisch- oder Hautleim aufgebracht wurden. Elastische Birkenrinde als Überzug erweist sich als bester Schutz gegen Feuchtigkeit. Seine Hornkompositbögen sind voll funktionsfähig und erreichen ein Zuggewicht bis zu 300 Kilogramm. Aber auch die Werkbank, auf der das Werkstück mit einfachen Holzkeilen fixiert wird, und der Fidelbogenbohrer werden bestens erklärt. Mit letzterem werden Perlen aus verschiedenen Materialien fabriziert, die zur Herstellung von Paternostern, den mittelalterlichen Rosenkränzen, dienten.

Eis am Stiel im Leinenkleidchen

Das alles gehört zum täglichen Leben, damals wie heute. Wie allein ein prächtiges Gewand den Unterschied zwischen Adligen und einfachen Leuten – die in schlichte funktionelle Wolle gekleidet sind -- hervorhebt, zeigten Nicole und Michael Perschau alias „Apud Angeron“ im Rahmen ihrer Modeschauen. Und wie viel Mühe, Erfahrung und Arbeit es allerdings im 13. Jahrhundert machte, bis aus einem Stück Tierhaut über das Gerben des Leders, dem richtigen Zuschnitt und der Schuhmacherkunst Wendeschuhe entstehen, zeigten „Die Zeitboten“ in ihrer Schusterwerkstatt.

Besonders viel Freude hatten offensichtlich die Kinder, denn für sie spielten Jahrhunderte wohl überhaupt keine Rolle. Ungeniert spielten sie trotz Handy und Funktionskleidung mit einfachen Knochenwürfeln und Brettspielen mit Spielsteinen und -Figuren aus Ton oder ließen sich in mittelalterlichen Leinenkleidchen ihr Eis am Stiel schmecken.

(Erschienen: 26.05.2010 12:10)