Beschusstest mittels rekonstruierter mittelalterlicher Fernwaffen ...von Andreas Bichler


English version

Basierend auf ersten Versuchen aus dem Jahr 2001, bei welchen unvernietete und verschweißte Geflechte auf eine Distanz von fünf Metern mit einer Armbrust mit Stahlbogen (Zuggewicht ca. 80kg) beschossen wurden, sollten weitere Experimente mit verbesserten Waffen und unter nachvollziehbaren Bedingungen erfolgen. Bei den nachstehenden Ausführungen handelt es sich um Auszüge aus einer umfassenden Dokumentation, welche vom Verfasser erarbeitet wurde. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass das nachstehende Dokument dem Urheberrecht unterliegt und jegliche Nutzung durch Dritte - einschließlich in Form von Auszügen daraus - einer entsprechenden Genehmigung des Verfassers bedarf.

Das folgende Experiment soll Aufschluss über die Wirkung rekonstruierter, mittelalterlicher Hornschichtbogenarmbrüste im Zusammenhang mit rekonstruierten, für das 13. und frühe 14. Jh. typischer Schutzwaffen geben.

Es ist grundsätzlich zu sagen, dass die folgenden Tests lediglich Versuche mittels rekonstruierter Gegenstände darstellen und nur einen bedingten Einblick in die Wirkungsweise derartiger Waffen geben können, da die Bandbreite der Variablen in Hinblick auf verwendetes Material, Materialmenge und Dichte, Verarbeitungsart udgl. derart groß ist, dass eine repräsentative und umfassende Gesamtaussage nicht getroffen werden kann. Vielmehr soll versucht werden, ein besseres Verständnis über das Verhältnis derartiger Fernwaffen zu Schutzwaffen zu erhalten, zumal diese im Sinne der Rüstungsspirale einer ständigen Weiterentwicklung unterworfen waren.

 

 1. Versuchsaufbau

Das Testszenario wurde in einem geschlossenen Raum aufgebaut und fand unter einer Umgebungstemperatur von 25˚C statt. Die Schussdistanz betrug 10m gemessen vom Bogenrücken der jeweiligen Armbrust bis zum Ziel für den Beschuss der mittelalterlichen Panzerung.

 

 1.2 Verwendete Waffen 

Verwendet wurden zwei anhand von Abbildungen des 13. und 14. Jh., sowie erhaltenen Stücken des späten 14. und 15.Jh., rekonstruierte Armbrüste mit Hornschichtbogen (Abb. 1), welche ausschließlich aus authentischen Materialien bestehen.

Die Leistung der beiden Bögen wurde so dimensioniert, als dass sich die Armbrust 1 mittels Spannhaken und Armbrust 2 mittels einer Winde spannen lässt, was generell den Spannhilfen des späten 13. und 14. Jh. entspricht. Die Höchstschussweiten liegen im Bereich von ca. 220 bis 240m (Armbrust 1) und ca. 260 bis 300m (Armbrust 2). Schriftliche Quellen zwischen dem letzten Drittel des 14. und der ersten Hälfte des 15. Jh. zeugen von erreichbaren Schussweiten dieser Fernwaffen. So berichtet die „Dunstable Chronik“ von der Annäherung Heinrich V. zur Stadt Rouen innerhalb einer Entfernung von 40 Ruten (das entspricht 201m) oder innerhalb des Bolzenschusses einer Armbrust und im Jahre 1435 wurde auf dem zugefrorenen Bodensee ein Armbrustschießen ausgetragen, wobei mit 21 Schüssen eine Strecke von 7 Kilometern durchmessen wurde, was einen Durchschnittswert je Schuss von 333m ergab[1].  

 


Abb. 1: Verwendete Waffen, links Armbrust 1

 

Armbrust 1:                 Hornschichtbogen mit 75cm Länge
  Zuggewicht[2]: 131kg
  Aktiver Sehnenweg: 206mm
  Gesamtgewicht: 2kg
  Art der Spannhilfe: Spanngurt  

Armbrust 2:                 Hornschichtbogen mit 74cm Länge
  Zuggewicht[3]: 280kg
  Aktiver Sehnenweg: 230mm
  Gesamtgewicht: 3kg
  Art der Spannhilfe: Winde 

 

1.3 Verwendete Geschosse 

Als Geschosse dienten rekonstruierte Bolzen, Die Bolzenschäfte (Zaine) basieren auf erhaltenen Stücken von der Habsburg[4]. Diese wurden mit unterschiedlichen Geschossspitzen ausgestattet, welche dem Fundspektrum des 13. und 14. Jh. zuzuordnen sind[5]. Zum einen kamen schlanke, lanzettförmige Spitzen zum Einsatz, zum anderen wurden schwerere, gedrungene Formen gewählt. 

Bolzen 1 (Abb. 2):    Gehärtete, lanzettförmige Spitze mit rhombischem Blattquerschnitt auf Zain aus Lärchenholz mit   Weidenholzbefiederung
Maximale Blattbreite: 9mm
Maximale Blattstärke: 5mm
Tüllendurchmesser (außen): 13mm
Länge der Geschossspitze: 87mm
Gesamtlänge: 381mm
Masse: 41g

Abb. 2 

 

Bolzen 2 (Abb. 3):    Stumpfpyramidale Spitze mit quadratischem Blattquerschnitt auf Zain aus Buchenholz mit Weidenholzbefiederung
Maximale Blattbreite: 10,7mm
Maximale Blattstärke: 10,6mm
Tüllendurchmesser (außen): 15mm
Länge der Geschossspitze: 78mm
Gesamtlänge: 381mm
Masse: 63g

Abb. 3 

Bolzen 3 (Abb. 4):    Stumpfpyramidale Spitze mit rhombischem Querschnitt auf Zain aus Lärchenholz mit Weidenholzbefiederung
Maximale Blattbreite: 13,2mm
Maximale Blattstärke: 10mm
Tüllendurchmesser (außen): 14,7mm
Länge der Geschossspitze: 95mm
Gesamtlänge: 392mm
Masse: 67g

Abb. 4 

Bolzen 4 (Abb. 5):    Stumpfpyramidale Spitze mit quadratischem Blattquerschnitt auf Zain aus Buchenholz mit Weidenholzbefiederung
Maximale Blattbreite: 15,2mm
Maximale Blattstärke: 15,4mm
Tüllendurchmesser (außen): 16mm
Länge der Geschossspitze: 87mm
Gesamtlänge:389mm
Masse: 90g

Abb. 5

1.4 Beschossene Ziele

Ziel 1:                         Block aus drei übereinander gelagerten ballistischen Seifenblöcken mit den Maßen von 25 mal 25 mal 40cm. Diese so genannten Glyzerinseifen werden für wundballistische Versuche herangezogen, sie zählt neben Gelatine zu den wundballistischen Simulanzien[6].

Ziel 2:                         Rekonstruierter Textilpanzer (sogen. Wams) (Abb. 6) mit Filzkern aus zwei Lagen Filz zu je 12mm Dicke (Abb. 7) zwischen je einer Lage festem Leinen vertikal in Streifen abgesteppt. Gesamtdicke ca. 12 (an der Steppnaht) bis 22mm 

Ziel 3:                         Primärpanzerung – Panzerhemd (Abb. 8) aus abwechselnd vernieteten und gestanzten Flachringen, Ringdurchmesser innen ca. 9,5mm, Drahtdurchmesser vor dem Flachschlagen 1,3mm (Abb. 9) Sekundärpanzerung – Textilpanzer gemäß Ziel 2. 

Das Sekundärziel für die Ziele 2 und 3 bestand jeweils aus zwei übereinanderliegenden, ballistischen Seifenblöcken.   

 


Abb. 6: Gestepptes Wams


Abb. 7: Detailansicht des Kernmaterials aus zwei Lagen Filz

 

 

 

 


Abb. 8: Kettenpanzerhemd aus abwechseln vernieteten und gestanzten Ringen


Abb. 9: Detailansicht der Panzerringe

 

 

 

1.5 Messung der Geschossgeschwindigkeit 

Für die Messung der Geschossgeschwindigkeit v1 (100cm vom Einbund des jeweiligen Bogens gemessen) wurde ein Messgerät BMC 12, W. Mehl, Kurzzeitmesstechnik, herangezogen. Die Auslösung erfolgte mittels Lichtschranken.

 

2. Ergebnisse

2.1 Trefferübersicht Ziel 1

Ziel 1 wurde insgesamt 21 mal beschossen. Die Trefferzone auf den drei übereinander liegenden Seifenblöcken befand sich vorwiegend auf den mittleren Block und reduzierte sich auf einen Bereich von 23cm Breite und 39cm Höhe (Abb. 11). Die Penetrationstiefen in der Seife (Abb. 12 und 13) lagen generell im Bereich von  143 bis 208mm, wobei der Durchschnittswert bei 170,5mm lag. Dies allerdings weitgehend unabhängig von den verwendeten Bolzen und den verwendeten Waffen. So ließen sich trotz unterschiedlicher Geschwindigkeiten und Geschossgewichten identische Penetrationstiefen beobachten.

 


Abb. 11: Trefferbild an den Seifenblöcken

 


Abb. 12: Eingedrungener Bolzen 1


Abb. 13: Eingedrungener Bolzen 4

 

 2.2 Trefferübersicht Ziel 2

Beim Beschuss von Ziel 2  waren für die Bolzen 1 bis 4 Penetrationstiefen von 71 bis 103mm zu verzeichnen (Abb. 14). Bolzen 4 prallte zweimal ab, hinterließ allerdings eine 18 bzw. 200mm tiefe Eindellung im Wams und einen 16 bzw. 18mm tiefen und eine 45 bzw.46mm kreisrunden Eindruck im Seifenblock zurück (Abb. 15).

 

 

  


Abb. 14: Treffer durch Bolzen 1


Abb. 15: Die Eindellung im Seifenblocks durch Bolzen 4

 

 2.3 Trefferübersicht Ziel 3

Die Kombination aus Wams und Panzerhemd (Abb. 16) wurde 12 mal beschossen. Hier war vor allem war die Art des Geschosses für ein allfälliges Durchdringen der Panzerung ausschlaggebend. So war es lediglich mit den schlanken, lanzettförmigen Bolzenspitzen (Bolzen 1) möglich die gesamte Panzerung  zu durchschlagen. Dieser drang zwischen 68 bis 83mm weit ein und wurden erst am Übergang von der Tülle zum Zain durch das Kettengeflecht gestoppt, wobei drei Schüsse  nicht für eine Auswertung herangezogen wurden, da sie nicht im Bereich des Seifenblockes eingedrungen sind. Auffallend war, dass bei Treffern, welche im Winkel von ca. 90˚ erfolgten, die Ringe meist nur aufgedehnt (Abb. 17 und 18) und bei Treffern in spitzeren Winkeln generell zumindest ein Ring gesprengt wurde (Abb. 19, 20 und 23). Während sich Bolzen 3 und 4 lediglich in den Panzerringen verfangen hatten und den Wams kaum sichtbar beschädigten, prallte der schwere Bolzen 4 völlig ab und hinterließ nur deformierte Panzerringe (Abb. 21 und 22). 

 


Abb. 16: Trefferbild an Ziel 3

 

 


Abb. 17: Treffer 8


Abb. 18: Detailansicht von Treffer 8

 

 

 


Abb. 19: Detailansicht von Treffer 2


Abb. 20: Detailansicht von Treffer .4

 

 

 


Abb. 21: Detailansicht von Treffer 11


Abb. 22: Detailansicht von Treffer 12

 

 

 

 


Abb. 23: Gesprengte Ringe

 

3. Zusammenfassung 

Insgesamt wurden 43 Schüsse mit vier verschiedenen, mittelalterlichen Geschosstypen mittels zweier rekonstruierter Armbrüste auf drei Ziele abgegeben.

Ziel 1 sowie den Kern für die drei weiteren Ziele bildete ein Block aus ballistischer Seife.  Neben Geschwindigkeitsmessungen wurden die Eindringtiefen in die vier Ziele, sowie die wahrgenommenen Schäden an der Schutzbewaffnung dokumentiert.

Die Geschossgeschwindigkeiten erreichten, je nach Abhängigkeit vom Gewicht der verwendeten Bolzen, Maximalwerte von 53 bzw. 61m/s [7] und pendelten sich nach mehreren Schüssen etwa 11 bis 14% unter diesen Werten ein.

Die Penetrationstiefen bei einer Entfernung von 10m lagen für Ziel 1 zwischen 143 und 208mm, für Ziel 2 abzüglich der Materialstärken der jeweiligen Schutzbewaffnung zwischen 49 bis 91mm und  bei Ziel 3 erreichte Bolzen 1 Werte zwischen 46 und 66mm. Die Bolzen 2 und 3 verfingen sich im Kettengeflecht  bzw. prallte Bolzen 4 ab.

Die vorgenommenen Versuche zeigen, dass bereits eine entsprechend dimensionierte, textile Schutzwaffe ihrer Verwendung in der Form Rechnung tragen kann, als dass sie gegen den Beschuss durch Armbrustgeschosse  - abhängig von deren Masse und Spitzenform – sehr wohl eine beachtliche Schutzwirkung aufweist. Wird dieser textile Schutz zusätzlich durch einen Ringpanzer verstärkt, erhöht sich die Schutzwirkung, in Abhängigkeit Ringstärke und Dichte des Geflechtes, entsprechend. Man muss sich jedoch darüber im klaren sein, dass sich eine höhere Schutzwirkung auch auf Faktoren wie Masse (Gewicht) oder Beweglichkeit auswirken kann. Ein allumfassender Schutz war aber alleine aufgrund der sich ständig drehenden Rüstungsspirale sicherlich zu keiner Zeit gegeben, denn meist folgte dem erhöhten Schutz eine Erhöhung der  Leistung der Fernwaffen bzw. eine Anpassung der Form der Geschossspitzen.

 

 


[1] Vgl. Harmuth Egon, Die Armbrust, Akad. Dr.- u. Verl.-Anst., Graz 1975, S. 60.

[2] Das jeweils angeführte Zuggewicht der beiden Bogen stellt hier lediglich eine Momentangabe dar, welche unmittelbar nach dem Besehnen gemessen wurde. Zudem hängt das jeweilige Zuggewicht aufgrund der organischen Zusammensetzung der Bögen von den schwankenden Umgebungstemperaturen ab, was bei höheren Temperaturen zu eine „weicheren“ und bei niedrigen Temperaturen zu einem „härteren“ Bogen führt.

[3] Wie Anm. 2

[4] Vgl. Zimmermann Bernd, Mittelalterliche Geschossspitzen, Kulturhistorische, archäologische und archäometallurgische Untersuchungen,  Schweizerischer Burgenverein (Hrsg.), Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters, Bd.26,  Basel 2000, S. 81f. 

[5] Ebenda; S. 72.

[6] Unter Simulanzien werden Materialien verstanden, die bei Beschuss ein ähnliches Verhalten gegenüber Geschossen in Elastizität, Viskosität, Energieaufnahmefähigkeit und Widerstand wie das menschliche Körpergeweben aufweisen. Sie müssen in etwa die gleiche Dichte wie die Muskulatur besitzen. Schriftliche Auskunft durch Herrn Dipl. Ing. HTL Anton Eder, gerichtlich beeideter Sachverständiger für Schießwesen und Wundballistik vom 17. Juli 2006. 
Zudem wird von Hubert Suedhus zur Verwendung von Seife und Gelatine als Simulanzie in ähnlichen Versuchen zur Wundballistik von Pfeilverletzungen eine deutliche Abweichung bei den Penetrationstiefen zwischen Seife und Gelatine festgestellt. ) und in weiterer Folge deren Eignung als Simulanzie für experimentelle Pfeilwunden ausgeschlossen. Vgl. Sudhues Hubert, Wundballistik bei Pfeilverletzungen,  Dissertation der Medizinischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms- Universität Münster, Hamm, 2004, S. 125.
Ungeachtet dessen wurde die Seife für Zwecke der Reproduzierbarkeit verwendet,
zumal die Durchschlagskraft von Geschossen in Kombination mit allfälligen Schutzausrüstungen im Vordergrund stand.

[7] Diese wurden jeweils mit Bolzen 1 unmittelbar nach dem Besehnen der beiden Armbrüste erreicht.